Sächsisches Wort des Jahres 2020 gekürt!

Die Veranstaltung zum Sächsischen Wort des Jahres 2020.
Foto: Peter Ufer

Sächsisches Wort des Jahres 2020 gekürt!

Nieselbriem mit Schnudndeggl – die Sachsen haben über ihre Wörter des Jahres 2020 entschieden. Über 3.000 Wörter wurden insgesamt in diesem Jahr bei der Jury eingereicht und am 3. Oktober 2020 während einer Doppelvorstellung im Tom Pauls Theater gekürt. Gleichzeitig wurde ein »Sachse des Jahres« ausgezeichnet. Die Ehrung nahm der frühere Sportdirektor von Dynamo Dresden, Ralf Minge, sichtlich gerührt entgegen.

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Sächsisches Wort des Jahres 2020 – die Gewinner

»Sächsisches Wort des Jahres 2020«

Beliebtestes Wort

Nieselbriem

ein einfältiger, unbeholfener oder auch etwas mürrisch daherkommender Mensch


Schönstes Wort

Schnudndeggl

auf Hochdeutsch »Mund-Nase-Schutz« oder »Maske«


Bedrohtes Wort

dambern

sich ohne Ziel und Zweck beschäftigen und rumtrödeln


Die Veranstaltung zum Sächsischen Wort des Jahres 2020.
Foto: Peter Ufer

Nieslbriem mit Schnudndeckl

Die Sachsen haben über ihre Wörter des Jahres 2020 entschieden. Über 3.000 Wörter wurden insgesamt in diesem Jahr bei der Jury eingereicht und am 3. Oktober 2020 während einer Doppelvorstellung im Tom Pauls Theater gekürt. Gleichzeitig wurde ein »Sachse des Jahres« ausgezeichnet. Die Ehrung nahm der frühere Sportdirektor von Dynamo Dresden, Ralf Minge, sichtlich gerührt entgegen.

Das sächsische Wort des Jahres wird seit 2008 gekürt. Diese Auszeichnung wurde von der Ilse-Bähnert-Stiftung in Zusammenarbeit mit der Sächsischen Zeitung und MDR-Sachsen ins Leben gerufen, die die Auswahl mit einer Fachjury trifft, zu der unter anderem der Schauspieler Tom Pauls gehört. Zielsetzung dieser Wahl ist es, aussterbende sächsische Wörter zu retten, die Sprache der Sachsen zu pflegen, ihren Wohlklang in das Bewusstsein gebracht und die Mundart als wichtiger Teil der deutschen Sprache gefördert.

Das schönste Wort: der »Schnudndeggl«

Der »Schnudndeggl«, auf Hochdeutsch »Mund-Nase-Schutz« oder »Maske«, wurde von den Sachsen zum schönsten Wort des Jahres 2020 gewählt. In die gleiche Richtung geht auch die in diesem Jahr zum ersten Mal gesuchte Kategorie, der Gemütszustand.

Die Jury war auf der Suche nach sächsischen Gemütswörtern, die umschreiben, wie der Sachse sich fühlt. Denn auch dafür gibt es ein großartiges, unverwechselbares Vokabular. Mit »Schnudndeggl« und Corona-Pandemie fühlt sich der Sachse »gägsch«, also kränklich, blass und ungesund oder auch weinerlich.

»Dambern« und »Nieslbriem«

Nach Meinung der Sachsen gerät das »Dambern«, also sich ohne Ziel und Zweck beschäftigen und rumtrödeln zunehmend in Vergessenheit. Der Ausdruck wurde zum bedrohtesten Wort des Jahres gewählt. Besonders gefallen hat den Sachsen entgegen seiner Natur der »Nieslbriem«. Die Bezeichnung für einen einfältigen, unbeholfenen oder auch etwas mürrisch daherkommender Menschen ist das sächsische Lieblingswort.


Der Sachse des Jahres 2020

Ralf Minge bekam kurz vor seinem 60.Geburtstag ein von der Ilse-Bähnert-Stiftung ein ganz besonderes Geschenk.

Von Peter Ufer

Ohne einen Lacher geht das hier nicht ab. So erzählt Ilse Bähnert am 3. Oktober zur Kür der »Sächsischen Wörter des Jahres 2020« auf der Bühne im Tom Pauls Theater eine kurze Geschichte: Als sie vergangenen Donnerstag in ihrem Einkaufsladen gewesen sei, habe vor ihr ein junger Herr gestanden. »Der zog seine Schdernburgbulln über die Lambe und es had bieb gemachd«, sagt sie. Dann habe die Kassiererin den Kunden gefragt, ob er Punkte sammle und da habe der geantwortet: »Nee, ich bin doch Dynamofan.«

Natürlich ist das gemein und mit den Fans nicht zu spaßen, das weiß auch die lustige Witwe aus Sachsen. Aber sie musste irgendwie einen heiteren Treffer landen, um einen Sportsfreund nach vorn auf die Bühne zitieren zu können. Der sei ein Typ, ein Urgestein, eine legendäre Gestalt, ein Sachse durch und durch, der so viel für die Mannschaft geleistet habe. Deshalb würde er zu seinem 60. Geburtstag einen Dank verdienen. »Komm se ma zu mir, mei Gudr«, sagt Ilse Bähnert. Und dann kommt Ralf Minge nach vorn auf die Bühne. Es ist sein erster öffentlicher Auftritt seit er und der Dresdner Fußballverein sich im vergangenen Juni trennten.

Minge lacht, weil er die 80-Jährige überragt wie ein langer Kerl die Königin. Die Bähnerten meint, sie sei in den vergangenen Jahren geschrumpft, sie wachse ihrem Grab entgegen, aber er sei ja voll im Saft und in den besten Jahren. »Stimmt«, meint der Jubilar bestens gelaunt. Er fühle sich gut. Geborgen wurde er am 8. Oktober 1960 in Elsterwerda. Sein Geburtsort lag damals im Bezirk Cottbus, heute in Brandenburg, Elbe-Elster-Kreis, Autokennzeichen EE. Aber das Urstromtal gehört historisch betrachtet zu Sachsen. Erst nach der Teilung des Landes im Jahr 1815 fiel das Stück an die preußische Provinz Sachsen. Das schmerzt bis heute. Das muss hier mal geschrieben werden, schließlich zeichnet Ilse Bähnert den »Sachsen des Jahres« aus und da muss die Herkunft stimmen.

Ilse Bähnert will wissen, ob er als Herr der Bälle das vergangene Dynamospiel gegen Bayern II verfolgt habe. Da meint er, dass er sich noch in einer Phase befinde, wo er Abstand gewinnen möchte und zurzeit nur die Ergebnisse zur Kenntnis nehme. Dann sagt er: »Der Saisonstart hat sich wirklich gut angelassen, zumal sich die Rahmenbedingungen überhaupt nicht mit 2014 vergleichen lassen. Wir haben ein neues Trainingszentrum, wir haben etwas Geld auf der hohen Kante, insofern kann das Ziel nur der Wiederaufstieg sein. Und die Niederlage gegen die Bayern war nur mal ein kleiner Dämpfer, vielleicht zur rechten Zeit.« Wie Ralf Minge so spricht spürt jede und jeder im Publikum, sein Herz schlägt nach wie vor für diese, für seine Mannschaft.

Das Gespräch läuft weiter, denn die Bähnerten erklärt, sie habe von ihrer Freundin, der Trudel aus Hetzdorf gehört, er habe sich eine Auszeit genommen und sei auf dem Jakobsweg wandern gewesen. »Ich würde ja ooch gern ma off den Jakobsweg, da solls ja überall dä Krönung geben«, sagt Ilse. Minge amüsiert sich köstlich über den Witz und sagt dann ernsthaft: »Für mich war das eine sehr kluge Entscheidung, bei der ich von meiner Frau inspiriert wurde.« Wo er lang gewandert sei, will die Sächsin wissen. »Ich bin von Porto nach Santiago, weiter nach Finisterre und Murcia. Das waren gut 400 Kilometer.« Er habe bis auf einen Anruf am Tag nicht gesprochen. Das sei eine gute Möglichkeit der Verarbeitung der Vergangenheit gewesen, um mit Wunden zurecht zu kommen, wo nur schnell ein Pflaster darüber geklebt worden sei. »Ich habe gehofft, das irgendein Geistesblitz auf dem Weg kommt, der mit sagt, das ist Deine Zukunft, Deine Vision, aber das war nicht der Fall«, sagt Ralf Minge. Am Anfang sei er wie ein Leistungssportler im Wettkampf losgerannt, um auf dem Weg zu begreifen, dass es gar nicht um den Sieg gehe. »Nach vier Tagen habe ich die Uhr vom Handgelenk abgemacht und wenn ich müde war, legte ich eine Pause ein. Das war eine wichtige Erkenntnis für mich.« Im Übrigen würden auf dem Weg alle in eine Richtung laufen, nur ganz selten komme einer entgegen. Damit sei nicht nur der Abstand gewährleistet, sondern auch das gemeinsame Ziel klar.

Ilse Bähnert ließ nicht locker, wollte unbedingt wissen, wie die Zukunft von Ralf Minge aussehen würde, ob er sich in einer »Findungsphase« befinde. Vor allem mache sie sich um seine finanzielle Situation Sorgen und würde ihn auch mal zum Essen einladen, wenns denn schlimm um ihn stehen würde. Der Ex-Dynamo bedankte sich für die Nachfrage und meinte, so lange seine Frau Arbeit habe, sei es gut um ihn bestellt. »In meinem Berufsleben war es immer so, dass ich eine Lösung gefunden habe. Ich greife nicht gierig nach dem Glück, sondern strecke die Hand aus in der Hoffnung, es setzt sich irgendwann drauf«, sagt er. Ilse kommentiert das mit ihrer Lebenserfahrung: »Wo sich Türen schließen, öffnen sich Tore.« Da sind beide plötzlich wieder beim Fußball, denn am Ende dreht sich doch alles darum.

Ilse Bähnert erklärt, er solle am Ball des Lebens bleiben, er sei eine großartige Person, vor allem auf den Boden und menschlich geblieben. Er verstehe seine Landsleute, die Fans und die andern. Deshalb werde er von ihrer Stiftung geehrt und zum »Sachsen des Jahres« gekürt. »Den Preis ham mir uns vom Munde abgespard, mei Gudr.« Sie überreiche einen »Präsentkorb«, den der Backwarenhersteller Dr. Quendt zur Verfügung gestellt habe. »Wir dankn Ihn in Namn dor Sachsen für ihre geleisdede Arbeed. Glückwunsch und doi, doi, doi.«

Ralf Minge nimmt den Preis sichtlich gerührt entgegen. Das Publikum applaudiert.

Sächsisches Wort des Jahres 2019

»Sächsisches Wort des Jahres 2019« gekürt!

Beliebtestes Wort

Bemme

Die Sachsen haben guten Geschmack bewiesen, denn das sächsische Lieblingswort des Jahres heißt: Bemme – belegte Brotscheiben.


Schönstes Wort

budzsch

Es beschreibt kurz und knapp einen wunderlichen, merkwürdigen, aber auch bedrohlichen, besorgniserregenden Zustand.


Bedrohtes Wort

Äscha

Äscha wurde als das bedrohte sächsische Wort gekürt. Die Vokabel ist Ausdruck des Widerspruchs, der Ablehnung oder des Erstaunens, verschwindet aber zunehmend aus dem täglichen Sprachgebrauch.


Kosewort des Jahres

der / die Guhdsde

Erstmals gekürt wurde in einer Sonderkategorie das sächsische Kosewort des Jahres, gewonnen hat der »Guhdsde«, respektive die »Guhdsde«, friedfertige, gutmütige, etwas naive Zeitgenossen. In keinem anderen Dialekt bezeichnen sich Freundinnen und Freunde auf diese Weise.


Sachsen-Gala am Tag der Deutschen Einheit im ausverkauften Dresdner Schauspielhaus.

Mit dabei bei der großen Sachsen-Gala am Tag der Deutschen Einheit im ausverkauften Dresdner Schauspielhaus Tom Pauls, die Band FOSE, Beate Laaß, der Leipziger Kabarettist Gunter Böhnke, MDR-Moderator Andreas Berger, Autor Peter Ufer und Comedian Michael Krebs aus Schwaben.

Die Auszeichnung wurde von der Ilse-Bähnert-Stiftung 2008 ins Leben gerufen und ist eine Aktion in Zusammenarbeit mit der Sächsischen Zeitung und MDR-Sachsen. Ziel ist es, aussterbende sächsische Begriffe zu retten, die Mundart der Sachsen zu pflegen und als wichtigen Teil der deutschen Sprache zu fördern.

Bericht und Videos beim MDR

Text: Peter Ufer

Sächsisches Wort des Jahres 2018

»Sächsisches Wort des Jahres 2018«

Beliebtestes Wort

friemeln

knifflige Zusammenhänge verknüpfen


Schönstes Wort

Beschmuh

Schummelei, Schwindelei


Bedrohtes Wort

dorwiern

quengeln, nerven


Schimpfwort

Diggnischl

Mann, der unbedingt seine Meinung durchsetzen will


Bei der Sachsenwort-Matinee am 3. Oktober 2018 im Dresdner Schauspielhaus mit dabei: Tom Pauls, Birgit Schaller, Andreas Berger, Gunter Böhnke und Peter Ufer

Ein Diggnischl macht Beschmuh

Über 3 000 Wörter standen zur Auswahl für das Sächsische Wort des Jahres 2018. Gewählt wurde diesmal auch ein Schimpfwort.

Immer mehr sächsische Vokabeln würden im Dschungel des neudeutschen und des denglischen Wortgutes verschwinden. Das sagte gestern Kabarettist Gunter Böhnke während der Matinee zur Wahl des sächsischen Wortes des Jahres im ausverkauften Dresdner Schauspielhaus. Und er ergänzte: »Wobei man eigentlich von ›Wortgut‹ gar nicht sprechen kann. Es handelt sich dabei um das ›Wortschlecht‹.«

Gegen das stillschweigende Verschwinden der Heimatvokabeln richtet sich seit 2008 die Aktion »Sächsisches Wort des Jahres«, organisiert von der Ilse-Bähnert-Stiftung, gemeinsam mit der Sächsischen Zeitung und MDR Sachsen. Über 3.000 sächsische Wörter erreichten in diesem Jahr die Jury, in der neben Schauspieler Tom Pauls und dem Chef der Leipziger Lachmesse Frank Berger auch MDR-Moderator Andreas Berger mit arbeitet. Als bedrohtes sächsisches Wort wählten sie »dorwiern« aus. Gunter Böhnke erklärte in seiner Laudatio, dass es sich dabei um »unablässiges bitten und betteln« handelt, ein Wort, das etymologisch zu lateinisch »turbare« gehört und eigentlich »in Unordnung« bringen bedeutet.

Die drei Dialektiker Tom Pauls, Gunter Böhnke und Peter Ufer

Als schönstes Wort wählte die Jury »Beschmuh«, was ein Vertrauensbruch ist, weil da einer schwindelt, sich unlauter einen Vorteil verschafft, weil er hinterhältig seine Interessen durchsetzt und andere mit freundlichem Blick getäuscht hat. Das beliebteste Wort wählten die Sachsen bei einer Online-Abstimmung selbst. Über 5.000 Sachsen nahmen an der Wahl teil, das Lieblingswort heißt: »Friemln«, etwas mühsam mit der Hand zusammen- oder zurecht arbeiten. Und diesmal wurde auch das sächsische Schimpfwort gewählt. Es heißt »Diggnischl«.

Text: Peter Ufer


Bericht und Video beim MDR Sachsenspiegel

Tom Pauls beim Jahresempfang des Spielmannszugs Oberlichtenau

Tom Pauls beim Jahresempfang des Spielmannszugs Oberlichtenau

Der Spielmannszug aus Oberlichtenau bei Pulsnitz trat bei der großen Gala zur Vergabe des Sächsischen Wortes des Jahres am 3. Oktober 2017 im Dresdner Schauspielhaus auf. Vergangene Woche revanchierte sich Tom Pauls für den Gastauftritt und kam zum Jahresempfang des Orchesters nach Oberlichtenau.

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Sächsisches Wort des Jahres 2016

»Sächsisches Wort des Jahres 2016«

Beliebtestes Wort

diggschn

schmollen; eingeschnappt sein


Schönstes Wort

Bibbus

kleines, stiftähnliches Ding


Bedrohtes Wort

Mäffdl

kleines, klappriges Auto


Der Sachse liebt das Diggschn sehr
Eine Kolumne von Dr. Peter Ufer

Meine Nachbarin kam mit einem alten Moped an und fragte mich, ob ich mal nach ihrem Bibbus sehen würde, denn der Motor würde nicht anspringen. Ich musste sie ziemlich verdutzt angesehen haben, denn sie meinte: »Se müssn an dem bibslichn Ding nur bissl dranrum biebln.« »Das ist aber ganz schön klein«, sagte ich

»Off dä Größe kommds gar ni an. Und wahre Größe lässd sich sowieso ni messen, ni in Meder, Lichdjahre oder Einwohnerzahln.« Wie sie darauf komme, wollte ich wissen. Sachsen zum Beispiel sei heute klein im Vergleich zu früher, als Sachsen noch von Fürstenberg im Norden bis nach Koburg im Süden reichte. Vor über 200 Jahren habe das Königreich Sachsen zwei Drittel seines Territoriums verloren und schrumpfte nach dem Wiener Kongress 1815 zu dem Kleinstaat zusammen, den wir heute bewohnen. Ich stimmte ihr zu.

Wir erfanden ja lauter kleine Dinge, meinte ich: Kleinbahnen, Kleinwagen, Kleinbildkameras, den kleinen Feigling und das kleinste Mittelgebirge. Aber was ist denn nun ein Bibbus, wollte ich wissen?

Karikatur von Uwe Krumbiegel

Das Ding, erklärte sie mir, beschreibe selbst seine Größe, besser gesagt seine Kleine. Ich müsse noch kleiner denken, als ich denke. Sie schine mir ein Rätsel zu stellen, denn sie sagte: »Das Word verbinded enne knifflige Handlung mid dor Größenbeschreibung des zu behandelnden Gegenschdandes.« Ich begriff nicht. »Das Ding schdehd edwas ab? Es is schdifdähnlich, kann aber ooch rundlich sein.« Ich fragte: »Lässt es sich nur umbeschreiben, aber wenn einer es hört, weiß er Sie sofort, was es ist?« Sie sagte: »Genau, genau.«

Ich suchte an ihrem Moped den Bibbus, den sie meinte und bemerkte etwas Einzigartiges. Es existieren nämlich sächsische Wörter, die kann man riechen. Das duftet zwar nicht wie 47/11, dafür aber wie 1 zu 25. Doch Mief macht müde Männer munter. Denn hier fährt und fährt und fährt der Mann oder in diesem Fall die Frau ab, spürt das Gemisch im Blut, startet durch und kommt an.

Nicht immer am Ziel, aber bei den Fans des Esser. Hierbei handelt es sich nicht um einen Freund köstlicher sächsischer Speisen, sondern um einen SR 2. Das ist eben dieses wunderbare motorisierte Zweirad mit einem Zylinder, Zwei-Gang-Handschaltung, eleganten Rundungen, einem schwungvollen Ledersitz, dem eiförmigen Tank und dem Zwei-Takt-Ottomotor samt Vergaser, der manchmal hängt.

Aber diese Herausforderung nahm ich an. Mit dem Tupfer, gebaut in der speziellen Form eines Bibbus, drückte ich den Schwimmer nieder bis ein wenig Benzin rauslief und das war das Signal: Jetzt sprang er an – nicht der Mann oder die Frau, sondern der SR.

Diese Bastelarbeit des deutschen Fahrzeugbaus stellte von 1957 bis 1964 der VEB Büromaschinenwerke Sömmerda in Thüringen her. Eine Million SR liefen in Sömmerda neben Schreibmaschinen vom Band und wurden bis in die USA exportiert. Der SR2 verbrauchte nur 1,7 Liter pro 100 Kilometer. Mit Wind im Rücken und Sonne auf dem Auspuff fuhr er von Null auf 50 in vier Minuten. Er flog. Deshalb hießen seine Nachfolger später Spatz, Star, Habicht, Sperber und Schwalbe. Die wurde sogar verdoppelt zum Duo mit zwei Sitzen und drei Rädern.

Das Wort riecht aber nicht nur, es hat zugleich einen einzigartigen Klang. Man hört den Zweitakter: Mäf-Mäf, dl-dl-dl-dl, Mäf-dl. Und wenn man Gas gibt, dann hört man: MäfMäf – dldldldl – Mäfdl-Mäfdl-Mäfdl-Mäfdl-Mäfdl-Mäfdl-Mäfdl-Mäfdl-Mäfdllllll. Es handelte sich bei dem Moped meiner Nachbarin um ein echtes Mäfdl. Die Frage, die den Mann und die Frau, die hier auf dem nicht vorhanden Sozius keinen Platz findet, die Frage, die den Sachsen jetzt dabei umtreibt, ist nun, wie man das Wort schreibt.: MÄFDL oder MEFTEL?

Im Duden kommt das Wort gar nicht erst vor, offiziell existiert es gar nicht, also gibt es auch kein Hinweis auf seine Schreibweise. Das schöne am Sächsischen ist eben – das alles richtig ist. Es gilt das gesprochene Wort. Das gilt zum Glück in Sachsen noch etwas. Ein Mäfdl kann nämlich zum Beispiel auch ein Meppl sein. In beiden Fällen bezeichnet es ein kleines, etwas wackeliges Fahrzeug, einen fahrbaren Untersatz, einen kleinen Oldtimer.

»Sie müssn ni glei diggschn, dass se kee Mäfdl ham«, sagte meine Nachbarin. Vermutlich hatte ich etwas traurig ausgesehen. Dabei war ich es gar nicht. Der Sachse lässt sich nämlich nicht gern demütige, nicht kränken, nicht herabsetzen, verletzen, bloßstellen, degradieren, entwürdigen, nicht für dumm verkaufen. Er tut höchstens mal dumm.

Ja, jeder darf mal beleidigt oder eingeschnappt sein. Der Sachse diggschd dann. Das Wort diggschn kommt vom Dickkopf, der seine Meinung durchsetzen möchte. Warum auch nicht. Doch wer diggschd, der jammert nicht, sondern wehrt sich gegen die, die ihn verletzen, verstimmen, bedrängen, behelligen. Digschn ist eine Haltung, genauer eine Zurück-Haltung, um nachzudenken, wie man nicht alles mit sich machen lässt, sondern selber entscheidet, was das besten für einen ist.

Meine Nachbarin fragte mich unvermittelt: »Gloobn Se das Leben wird nachn Dod schöner?« Ich sagte: »Das kommt ganz darauf an, wer stirbt.« Sie gab Gas und mäfdelde davon.

Sächsisches Wort des Jahres 2015

»Sächsisches Wort des Jahres 2015«

Beliebtestes Wort

Blaadsch

ungeschickter Menschen


Schönstes Wort

Dämse

unerträgliche Hitze


Bedrohtes Wort

Eiforbibbsch

ursächsischer Ausruf des Erstaunens


Über ein Viertel aller an der Internetabstimmung beteiligten Sachsen entschied sich für »Blaadsch« – umgangssprachlich die Bezeichnung für einen ungeschickten Menschen. Die Jury kürte »Dämse« zum schönsten und »eiforbibbsch« zum bedrohten sächsischen Wort des Jahres. Dämse verwendet der Sachse gern, um wie im letzten Sommer die manchmal unerträgliche Hitze auszudrücken.

Für Eiforbibbsch entschied sich die vierköpfige Jury mit den beiden Kabarettisten Tom Pauls und Uwe Steinle, dem Autor Dr. Peter Ufer und dem MDR-Moderator Andreas Berger, weil dieser ursächsische Ausruf des Erstaunens heutzutage kaum noch im Alltag verwendet wird.

Über 8.000 Vorschläge erreichte die Jury beim 8. Jahrgang – so viele wie noch nie seit 2008. Die Wahl der sächsischen Wörter des Jahres ist eine gemeinsame Initiative der Ilse-Bähnert-Stiftung, der Sächsischen Zeitung und von MDR Sachsen.

Seit 2008 wird das »sächsische Wort des Jahres« gekürt. Diese Kategorie wurde von der »Ilse-Bähnert-Stiftung« ins Leben gerufen. Zielsetzung dieser Wahl ist laut Stiftung folgende: »Aussterbende sächsische Wörter sollen gerettet werden, die Sprache der Sachsen wird gepflegt und gehegt, ihr Wohlklang in das Bewusstsein gebracht und die Mundart als wichtiger Teil der deutschen Sprache gefördert.«


Eiforbibsch, ä Bladsch in dor Dämse –
Eine Kolumne von Dr. Peter Ufer

Sie schwitzte. Draußen hitzte es sich auf, drinnen half kein Windzug mehr. »Das is enne Dämse hier drinne«, sagte meine Nachbarin. Aber das Klima wandle sich ja nicht nur beim Wetter. »Es is überall heeß.« Ich musste nicht lange überlegen, wo denn das Wort Dämse herstammen könnte, denn die Wetterlage offenbarte es. Dampf schien überall aufzusteigen und daher kommt auch die Dämse.

Das Wort meint einen schwül-warmen, leicht stickigen Zustand, der die Landschaft und die Gemüter nach und nach zum Kochen bringt. Um nicht zu dämssch zu werden, braucht es ab und zu frische Luft. Meine Nachbarin meinte, dass sich dä Dämse überall verbreiten würde. Ich erzählte ihr davon, dass sie schon in London sei. »Ach, se meen dä Geschichde midn Saggsn, die da an dor Dauerbridsch schdandn, es warm war un die gesachd ham, is das enne Dämse hier. Un seid dem heesd der Fluss dorde Dämse.« Ja, die Geschichte meinte ich. »Kenn ich schon«, sagte sie.

Karikatur von Uwe Krumbiegel

Ich fragte sie, ob sie wusste, dass es sich bei East-Sussex, West-Sussex und Middlesex im Süden Englands um Ost-Sachsen, Westsachsen und Mittelsachsen handle. »Nee«, sagte sie. Ich gab ihr Nachhilfe: Das Königreich Sussex war seit 477 eines der Kleinkönigreiche der Angelsachsen, ein Sammelvolk aus Angeln und Sachsen. »Noch heute nutzen die Engländer das eine oder andere sächsische Wort. Es fängt schon mit word an.«

»Ja, ja«, sagte meine Nachbarin, »das habsch ooch schon gehörd. Dabei verwechseln die manches. Während der Sachse wo frachd, sachd dor Engländer where und während der Saggse Wer? frachd, sachd dor Engländer who oder hu oder so.«

Wir tauschten weitere Beispiele der sächsisch-englischen Wort-Verwandtschaft aus. Die Engländer blärrn gerne ma rum und dann heißt das blare. Deshalb nannten die den damals auch Tony Blare. Viel einfacher zu hören sei die sprachliche Verbindung bei Bludd, dem Blut das beiden gleichermaßen durch die Adern fließt.

Der Sachse sagt Gemütlichkeit oder Kletterschuh, der Engländer ebenfalls. Als weiteres Beispiel führte meine Nachbarin die Äpfel an, sächsisch Äbbl, englisch Äbbl. Ich meinte, Car komme von der sächsischen Karre, work von wörschn, warm von warm und Google von den sächsischen Guggln. Und wer heute auf seinem I-Pad Bilder mit dem Finger hin und herschiebt, der dadschd es an. »Eiforbibsch, das ham die alles von uns«, sagte meine Nachbarin.

Mit »eiforbibsch« ließ sie einen sächsischen Ausruf der Verwunderung, einen nicht sehr ernst gemeinten Fluch durch das Zimmer hallen. Viele kennen den Ausspruch, aber nur wenige sagen ihn noch, die Wortgruppe ist bedroht. Der Sachse wundert sich über vieles oder über gar nichts mehr. Eiforbibsch, das man auch mit »v« schreiben kann, kommt von »Gott verdammt!«.

Aber das klingt viel zu hart. Sachsen mögen es versöhnlicher, denn es gibt immer Chancen. Übrigens kann es auch sein, dass das Eiforbibsch vom Familienname Pippich abstammt. Die müssen es allerdings ziemlich wild getrieben haben. »Der Vador war beschdimmd ä ganz schöner Blaadsch.«

Damit redete sie von einem Sachsen besonderer Art. Er legt seine eigenen Schwächen bloß und offenbart damit seinen Hang zur Melancholie. Die ist ihm zum Glück geblieben. Er verfolgt geschickt die Strategie unterschätzt zu werden, um am Ende doch der Sieger zu sein. Er ist nicht, was er scheint, weder die ungeschickte Person noch der Tolpatsch, sondern er ist er selbst.

Meine Nachbarin fragte mich: »Erinnern Sie sich noch wies früher im Kreissaal zuging. Erinnern Sie sich noch, na Sie erinnern sich doch an nischd mehr. Ich sachs ihn: Der werdende Vader mussde draußen bleibn bis die Frau soweid war. Ni wie heide, wo die Weechgesichder mid dor schwangeren Gaddin im Dufdwasser ennes Gebärbools blanschn und das Baby zögerd abzudauchen, weil die combudergeschdeuerde Fruchdblasenwasseranalyse beim Dadenabgleich Differenzen zum idealdübischen EU-Schdandard offfweesd.«

Das hatte meine Nachbarin vermutlich mal in einer Zeitschrift beim Friseur gelesen. Ich fragte sie: »Kennen Sie denn einen Blaadsch?« Sie sagte: »Ja, mei Mann.« Sie beschrieb ihn als Tofu im Fleischwolf, der sich in Sicherheitszonen einlullen lasse und hoffe, dass er nach und nach systemrelevant werde, damit ihm sein 18-Prozent-Dispo erhalten bleibe.

Er denke daran, wie seine Mutter früher zu ihm gesagte habe: »Dir soll es mal besser gehen!« Und jetzt, wo er glaube, dass es ihm besser gehe, da sage seine Mutter: »So schön wie Du möchte ich es auch mal haben.« Meine Nachbarin redete sich in Rahsche. »Der reißd doch midn Hindern ein, was er sich midn Händen offgebaud had. Und das war schon ni viel.«

Sie zählte mir mehrere Kosenamen auf, wie sie ihren und andere Männer titulierte: Blödmann, Dussldier, Gnusberkopp, Hirni, Rozzdoffl, Dumpfbacke, Laggaffe, Binsl, Klapser oder Schnösel. In dem Augenblick kam ihr Gatte nach Hause und wollte etwas sagen, aber sie rief: »Halde den Mund, wenn de mid mir schbrichsd.«

Sächsisches Wort des Jahres 2014

»Sächsisches Wort des Jahres 2014«

Beliebtestes Wort

Gelumbe

Unaufgeräumtes


Schönstes Wort

Däschdlmäschdl

versteckte Liebelei


Bedrohtes Wort

forblembern

verschwenden, vergeuden


Trommelwirbel am Tag der Deutschen Einheit: Im ausverkauften Schauspielhaus in Dresden wurden die Sächsischen Wörter des Jahres gekürt. Gemeinsam mit MDR 1 Radio Sachsen, de SZ und der Freien Presse wählte die Ilse-Bähnert Stiftung aus 7.000 Wortvorschlägen die Sieger aus.

Der Jury gehörten Uwe Steimle, Tom Pauls, Autor Peter Ufer sowie MDR- Moderator Andreas Berger an. Dieser führte durch die Gala, auf der neben der Blechlawine das Michael- Fuchs-Trio sowie die Schauspielerinnen Beate Laas, Uta Simone und Kati Grasse spielten.

Zum schönsten Wort wurde das »Däschdlmäschdl« ernannt, als Ausdruck für eine mehr oder weniger heimliche Liebschaft. Als bedrohtestes sächsisches Wort geht in diesem Jahr der Begriff »forblembern« für trödeln oder Zeit vergeuden in die Annalen der zum siebenten Mal durchgeführten Aktion ein. Zum beliebtesten sächsischen Wort wurde das »Gelumbe« bestimmt.

Die Wahl trafen Fans der sächsischen Sprache per Internetabstimmung. Insgesamt 7.000 Vorschläge gingen dafür in diesem Jahr ein. Die 20, die am häufigsten genannt wurden, standen am Ende zur Wahl für das beliebteste Wort.


Das schönste Wort: Däschdlmäschdl

Das ist die vorsichtige Verabredung von zwei – oder gerne auch mehreren Personen – zu einer emotionalen Handlung im gegenseitigen Einvernehmen, kurz: versteckte Liebelei. Die Kurzform lautet Dädadä und wanderte in die ganze Welt. Die Franzosen sagen Tête-à-Tête, die Engländer Date, die Italiener teco meco, was übersetzt bedeutet: Ich mit dir, du mit mir. Und das ist schön.


Das beliebteste Wort: Gelumbe

Das Wort steht für Unaufgeräumtes, für mistsches Zeuch – egal, ob Dinge, Menschen oder Politiker. Das Wort ist so beliebt in Sachsen, weil es alles auf den Punkt bringt, wenn es gesagt werden muss. Denn nimmt man dem Volk die Sprache, nimmt man ihm das Rückgrat. Sprechen ist Denken.

Nur wo geschwiegen wird, wachsen Missfallen, Unrecht und Zorn. Und das ist Gelumbe.


Das bedrohte Wort: Forblämbern

Wer achtlos mit Ressourcen umgeht, Geld zum Fenster rausschmeißt oder die Zeit vergeudet, der forblämberd alles. Er ist in den Augen der Vernünftigen nicht ganz richtig in der Birne, umgangssprachlich ist er: blämbläm. Und deshalb heißt ein Verschwender Forblämborer und seine Tätigkeit forblämbern. Leider wird täglich Zeug verschwendet, aber das Wort sagt kaum noch einer.


Ä Dächdlmächdl ohne Gelumbe –
Eine Kolumne von Dr. Peter Ufer

Meine Nachbarin suchte meine Nähe. Immer wenn ich auf den Flur ging, kam sie an, wollte mir dringend etwas berichten, schenkte mir einen Blumentopf als Dank für irgendetwas oder brachte mir Milch mit. Sie begründete sogar ihre Näherkommen, denn alles Leben, meinte sie, beginne mit einem vorsichtigen Anbahnungsgespräch zum Zwecke einer zwischenmenschlichen Interaktion.

Sie sei allerdings in jeder Beziehung etwas geschädigt, erklärte sie, denn es ende doch in vielen Ehefällen zum Schluss mit der Frage einer Frau an ihren Mann: »Du, mir sin doch nuh schon so lange forheiraded und ich liebe Dich immernoch. Du mich auch? Da antwortet ihr Mann nach kurzem Zögern: Ja, Dich auch.«

Karikatur von Uwe Krumbiegel

Ich sagte, dass immer dem Anfang ein Zauber innewohne, der uns beschütze, aber dem Alter weiche. So sagt es jedenfalls Hermann Hesse. Und Männer sind ja bekanntlich besonders empfindsam. »Ich weeß«, sagte meine Nachbarin, »aber ich hädde ooch heude gern noch ma ä Dächdlmächdl.«

Dieses Wort beschreibe, erklärte ich, die mehr oder weniger heimliche Verabredung von zwei – oder gerne auch mehreren Personen – zu einer nicht näher definierbaren emotionalen Handlung im gegenseitigen Einvernehmen für einen sozialen Vorteil und bisweilen biologisch notwenigen Akt der Evolution.

»Was?«, fragte meine Nachbarin. Ich sagte, ein Dächdmächdl sei etwas einfacher übersetzt, ein Stelldichein, Flirt, Schäferstündchen, eine Tändelei, Liaison, Liebelei, Liebschaft und für unvorsichtige Zeitgenossen die Vorstufe zum Inflagranti.

Sprachforscher behaupten jedoch, Dächdmächdl sei gar kein sächsisches Wort, es wäre nur geliehen von den Österreichern, die Techtlmechtl sagen und es angeblich auch nur von den Italienern übernahmen, die es teco meco sprechen, was so viel heißen soll wie: Ich mit dir, du mit mir. Aber die Italiener haben es wohl auch nur von den Franzosen, die dazu Tät-tà-tät sagen, was vermutlich vom Sächsischen Dädadä abstammt, der Kurzform des Dächdlmächdls. Im Englischen heißt es kurz und bündig Date.

Damit steht fest, dass es sich bei dem Wort um ein sächsisches Phänomen handelt, das weltweit praktiziert wird. Menschen lieben sich beim erfolgreichem Dächdlmächdl global mit der Unschuld wilder Tiere. Vermutlich aber hat sich das Wort aus dem Rotwelschen entwickelt, dem speziellen Wortschatz des fahrenden Volkes, das natürlich schon im Mittelalter in Sachsen war und alles mitnahm, was nicht niet- und nagelfest war, was ja auf Wörter zutrifft.

Der Sachse führt übrigens das Wort ebenfalls auf den pubertären Fortschritt der eigenen Tochter zurück: Wenns Dächdl mäschdl. Eltern sind in solchen Fällen heutzutage zumeist überfordert, greifen zu modernen Wie-sage-ich-es-meiner-Tochter-Ratgebern oder erinnern sich an die DDR-Aufklärungsrubrik »Unter vier Augen« von Jutta Resch-Treuwerth. Nichts hilft. Wenn die Tochter möchte, dann hält sie nichts auf.

Meine Nachbarin übrigens befindet sich in der, um es höflich auszudrücken, Phase der internen pubertären Retrospektive. Ihr Mann kommentiert das meistens mit dem Satz: »Ich hab mei Klimagipfl daheeme, ich muss ni nach Kijodo fahrn.« Aber ihr Gatte ist im Fall des Dächdlmächdls ja gar nicht gefragt. Denn meine Nachbarin will sich weder mit ihm noch ihrem Zustand abfinden, sondern in voller Torschlusspanik unbedingt noch ein Abenteuer erleben. »Ich brauch noch ä ma ä eschdes Dächdlmächdl, ich kann doch mei Läbn ni eefach so forblämbern«, sagte sie.

Da sprach sie ein gewichtiges Wort aus: forblämbern. Das ist ein schwaches Verbum mit starken Folgen. Denn wer etwas verplempert, der verschwendet Ressourcen, schmeißt Geld aus dem Fenster raus, vergeudet Zeit, vertut sinnlos seine Kraft. Er ist in den Augen der Vernünftigen nicht ganz richtig in der Birne und somit umgangssprachlich blämbläm. Deshalb heißt ein Verschwender sächsisch Forblämborer und seine Tätigkeit eben forblämbern. Meine Nachbarin nickte und sagte: »Manchma is ja gudd, wenn mor was weg schmeißd. Es sammeld sich im Laufe des Lebens ja so viel Gelumbe an.«

Das Wort steht für Unaufgeräumtes, für ungeordnete, herumstehende oder -liegende Gegenstände, die als wertlos, überflüssig, alt und/oder störend empfunden werden. Das ist Gerümpel, Plunder, schlechte, minderwerte Ware, misdsches Zeuch. Die Vokabel wird gelegentlich im Zorn ebenso benutzt, um Menschen oder Politiker zu beschimpfen, wobei hier zwischen Mensch und Politiker nicht zwingend ein Unterschied beschrieben werden soll.

Das Wort ist so beliebt in Sachsen, weil es alles auf den Punkt bringt, wenn es gesagt werden muss. Denn nimmt man dem Volk die Sprache, nimmt man ihm das Rückgrat. Sprechen ist Denken. Nur wo geschwiegen wird, wachsen Missfallen, Unrecht und Hass. Und das ist Gelumbe.

»Viel schöner is ä Dächdlmächdl«, sagte meine Nachbarin schon wieder. Ich schlug ihr vor, sie sollte nicht auf dem Flur rumstehen, sondern einfach mal parshippen. »Baarschibbn – das mach ich mid mei Mann im Winder offn Fußweg, aber da sin mir uns noch nie näher gekomm.«

»Sächsisches Wort des Jahres 2014« – Die Gewinner

Das sächsische Wort des Jahres 2014: Die Gewinner

Trommelwirbel am Tag der Deutschen Einheit: Im ausverkauften Schauspielhaus in Dresden wurden die Sächsischen Wörter des Jahres gekürt. Gemeinsam mit MDR 1 Radio Sachsen, de SZ und der Freien Presse wählte die Ilse-Bähnert Stiftung aus 7.000 Wortvorschlägen die Sieger aus. Der Jury gehörten Uwe Steimle, Tom Pauls, Autor Peter Ufer sowie MDR- Moderator Andreas Berger an. Dieser führte durch die Gala, auf der neben der Blechlawine das Michael- Fuchs-Trio sowie die Schauspielerinnen Beate Laas, Uta Simone und Kati Grasse spielten.

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Sächsisches Wort des Jahres 2013

»Sächsisches Wort des Jahres 2013«

Beliebtestes Wort

Hitsche

Fußbank


Schönstes Wort

forhohnebibln

verspotten


Bedrohtes Wort

schnorbslich

köstlich


Video zum Event


Video von artgenossen.tv

Das Lieblingswort: »Hitsche«

Die Hitsche ist eine Fußbank für den täglichen Gebrauch im Haushalt. Mit der Hitsche kann sich der Sachse selbst erhöhen, um die Oberlichter von Fenstern zu reinigen, hoch gelegene Regalbretter zu erreichen oder von Schränken Koffer zu zerren. Für Kinder bietet die Fußbank beste Aufstiegsmöglichkeiten und die Chance, sich über das Waschbecken zu beugen oder endlich mal im Spiegel zu betrachten. Auch bei Fußballspielen im Stadion haben vorzugsweise kleinere Männer Hitschen dabei, um mit ihrer Hilfe über die Köpfe der Vordermänner schauen zu können.

Aber die Bank dient nicht nur dazu, sich darauf zu stellen, sie bietet zudem einen hervorragenden Sitzplatz. Immer in der ersten Reihe. Die Sächsin oder der Sachse hockt sich auf die Hitsche, um Beeren abzubäbeln, Schuhe zu putzen oder die Füße in eine Schüssel mit waren Wasser zu stecken. Gesprochen wird je nach Region Hitsche, Hitsch, Hitschl, Hutsche oder Hütsche. Das Wort kommt ursprünglich vom Hocken oder vom Rutschen. Denn die Fußbank wurde und wird ja ständig hin und her geschoben. Eine alte Hitsche kann aber auch ein klappriges Auto oder ein uralter Kinderwagen sein.

Und eine Käsehitsche ist ein aus schmalen Stahlrohren gebauter Schlitten mit Holzsitz. Mit dem kann man wunderbar rutschen.


Am schönsten: »forhohnebibln«

Forhohnebibeln lässt sich der Sachse nicht, das macht er schon alleene. Denn er lacht nicht über die anderen, er lacht über sich. Jeder Sachse lacht sich selbst am nächsten. Nur wenn andere über ihn lachen, wenn sie ihn veralbern, wenn sie ihn forgageiern wollen, dann wird er itzsch, also zornig. Forhohnebibeln oder auch verhohnepipeln oder verhohnipeln heißt jemanden verschmähen, verfluchen, verachten, verspotten, veralbern, veräppeln, verhöhnen.

Das Verb kommt vom Hohn und ist ein Witz, den der Sachse stets auf sich bezieht. So wird er schnell zum Lachopfer, weil er sich selbst opfert. Er macht sich lächerlich, um mit vorgetäuschter Schwäche durchzukommen. Sein Humor ist sein Überlebensmittel. Schlitzohrig, doppelbödig, defensiv und fatalistisch. Es geht um ironische Selbstschau. Schon immer. Der Sachse hat Witz und ist ein Witz und forhohnebiebln hilft ihm.


Bedroht: »schnorbslich«

Das Wort ist zu allererst zu hören. Zum Beispiel beim Mittagessen, wenn Möhren auf dem Teller liegen und der Sachse sie forschnabuliert, also isst. Das leise Abbeißen erzeugt einen Ton köstlichen Vertilgens, und die bissfeste Konsistenz des Gemüses befördert eine große Gaumenfreude. Wenn also ein leises krachendes, reibendes Geräusch zu hören ist, dann schnurpsen sich Möhren, Nüsse oder Äpfel einfach so weg.

Der Kaulärm deutet auf ein hohes Geschmackserlebnis hin. Schnorbslich kommt folglich von schnurpsen und heißt köstlich, aber bezieht sich nicht auf jede, sondern auf ausgewählte Mahlzeiten. Dabei gibt es in der Aussprache des Wortes regionale Unterschiede, denn in Leipzig beispielsweise spricht man, was man beim Essen ja eigentlich nicht tun sollte, schnärbslich. Aber es bedeutet dasselbe.
Die Aktion »Sächsisches Wort des Jahres«

Das sächsische Wort des Jahres wird seit 2008 verliehen. Initiatoren der Aktion sind die Schauspieler und Kabarettisten Uwe Steimle und Tom Pauls sowie der Dresdner Autor und Journalist Dr. Peter Ufer. Veranstaltet wird die Preisverleihung von der Ilse-Bähnert-Stiftung, Stiftung zum Erhalt und zur Förderung der sächsischen Kultur und Sprache, die Tom Pauls und Peter Ufer gemeinsam gründeten.

Medienpartner der Aktion sind die Sächsisch Zeitung, die Freie Presse sowie MDR 1 Radio Sachsen.

Dr. Peter Ufer


Forhohnebibeln könn mor uns alleene –
Eine Kolumne von Dr. Peter Ufer

Meine Nachbarin setzte sich kürzlich einen Hut auf, band sich eine Fliege um. Fertig. Jetzt erzählte sie mir einen Witz. 30 Stück wisse sie sofort und beim Erzählen fielen ihr immer neue Witze ein: »Ich geh zur Vorsorche, da frachd mich eener: Wie groß sind sie und wie schwer. Da sache ich: Das schdehd doch alles in meiner Krankenakde. Da sachd der Mann: Ich bin ni dor Arzd, ich bin dor Dischler.«

Ja, ich musste lachen, aber wunderte mich über ihren Aufzug. Sie jedoch schmunzelte und meinte, dass man es sich einfach mal leisten solle, lauthals zu feixen. Das wäre echter Luxus und vor allem gesund. Es löse sämtliche Verkrampfungen, lockere die angespannten Nerven, bringe Stimmung gegen Verstimmung. Es handle sich um eine homöopathische Scherztherapie, die viel mehr Erfolg verspreche als Antidepressiva.

Doch der Sachse lache nicht über die anderen, er lache vorzugsweise über sich. »Jeder Sachse lacht sich selbst am nächsten,« sagte sie. Und ergänzte: »Forhohnebibeln lässd der sich aber nicht, das machdr schon alleene. Wenn andere über ihn läsdern, wenn sie ihn veralbern oder forgageiern wollen, dann wird er idzsch, also zornig.«

Karikatur von Uwe Krumbiegel

Ich schaute noch einmal nach, was denn genau forhohnebibeln bedeutet. Volkssprachlich hieß es früher auch verhohnepipeln oder verhohnipeln heißt jemanden verschmähen, verfluchen, verachten, verspotten, veräppeln, verhöhnen. Das Verb kommt vom Hohn, dem Spott. Deshalb hieß der frühere DDR-Oberste wohl auch Ho(h)necker.

Spätestens jetzt stellt sich heraus, dass der Witz eine Technik des Unbewussten zur Einsparung von Konflikten und zum Lustgewinn ist, eine Art Flucht nach vorn, eine Grenzüberschreitung ohne Genehmigung. Und durch die Solidarisierung mit Gleichgesinnten wirke der Witz gegen Autoritäten und den Unsinn in einer Gesellschaft. Das galt damals und gilt heute.

Der Sachse bezieht den Witz allerdings zuerst auf sich. So wird er schnell zum Lachopfer, weil er sich selbst opfert. Er macht sich lächerlich, um mit vorgetäuschter Schwäche durchzukommen. Sein Humor ist sein Überlebensmittel. Schlitzohrig, doppelbödig und fatalistisch.

Meine Nachbarin meinte, dass man dieses Leben ja nicht mehr ernst nehmen könne. Schon wenn sie zum Bäcker ginge und höre, dass sie keinen »Mohrenkopf« mehr verlangen dürfe, da frage sie sich schon, wer sich hier lächerlich mache. Soll sie etwa nach einem Windbeutel mit Migrationshintergrund fragen. »Das ist doch ein Witz,« sagte sie. Kürzlich habe sie vor einer Mohren-Apotheke gestanden und die hätten einfach über dem o zwei Striche gesetzt und jetzt wäre es die Möhren-Apotheke. »Sehr komisch, da sin dä Medigamende wo schnorbslich,« frate sie.

Das Wort schnorbslich gefiel mir. Es ist ja zu allererst zu hören. Zum Beispiel beim Mittagessen, wenn rohe Möhren im Salat liegen und der Sachse sie forschnabulierd, also isst. Das leise Abbeißen erzeugt einen Ton köstlichen Vertilgens, die bissfeste Konsistenz des Gemüses erzeugt eine große Gaumenfreude. Wenn also ein leises krachendes, leicht reibendes Geräusch zu hören ist, dann schnurbsd einer Möhren, Nüsse oder Äpfel. Der Kaulärm deutet auf ein hohes Geschmackserlebnis hin.

Schnorbslich kommt von schnurpsen und heißt köstlich, aber bezieht sich nicht auf jede, sondern auf ausgewählte Mahlzeiten. Dabei gibt es in der Aussprache des Wortes regionale Unterschiede, denn in Leipzig beispielsweise spricht man, was man beim Essen nicht tun sollte, von schnärbslich.

Meine Nachbarin band jetzt ihre Fliege ab, setzte den Hut ab, hänge beides an die Garderobe und ging in ihre Küche. Se versuchte oben vom Schrank einen Korb mit Gemüse herunterzuholen, schaffte es aber nicht. »Ich wachse schon dem Boden zu, obwohl ich doch ma in Himmel komm will«, sagte sie. »Schiebn se mir ma dä Hidsche nieber.«

Ich gestand ihr, dass ich mich sehr freute, dass sie eine meiner liebsten sächsischen Vokabeln nutzen würde. Denn die Hidsche oder Hitsche klingt nicht nur schön, sondern sie ist praktisch und eine unvergessliche Kindheitserinnerung. Die Hitsche heißt im Rest der deutschsprachigen Welt Fußbank und wurde für den täglichen Gebrauch geschaffen. Mit der Hitsche kann sich der Sachse selbst erhöhen, um etwas zu erreichen, was sonst unerreichbar wäre.

Das vierbeinige Möbel bietet beste Aufstiegsmöglichkeiten und die Chance, Süßigkeiten wie Bongsel oder Moler von Regalen zu holen. Aber die Bank dient nicht nur dazu, sich darauf zu stellen, sie stellt zudem einen hervorragenden Sitzplatz dar. Und immer in der ersten Reihe. Gesprochen wird je nach Region Hitsche, Hitsch, Hitschl, Hutsche oder Hütsche.

Das Wort kommt ursprünglich vom Hocken oder vom Rutschen. Denn die Fußbank wurde und wird ja ständig hin und her geschoben. Eine alte Hitsche kann aber auch ein klappriges Auto oder ein uralter Kinderwagen sein. Und eine Käsehitsche ist ein Schlitten. Jetzt hatte meine Nachbarin den Korb, sprang von der Hitsche runter und wir schnibbeldn uns im Abendrot einen schönen Salat fürs Abendbrot.